Biochemie
Prionen heißen
die merkwürdigen Proteine,
die sich in gefährliche Krankheitserreger verwandeln können. Doch nicht
nur bei Rinderwahn
und Co, auch bei anderen neurodegenerativen Krankheiten spielen umgefaltete Proteine eine üble Rolle.
Der Wirbel
hat sich gelegt. Doch für die Wissenschaft
sind Prionen, jene "proteinartigen infektiösen Partikel", die
den Fleischkonsumenten in Angst und Schrecken versetzt haben, immer noch
ein Thema. Wenn auch die ketzerische
Idee des Nobelpreisträgers
Stanley Prusiner, dass Proteine
ohne Nukleinsäuren sich selbst vermehren
und Krankheiten auslösen können, weit gehend
akzeptiert ist, weiß niemand so genau, warum harmlose
Eiweißmoleküle solch fatale
Konsequenzen wie Rinderwahnsinn und Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
nach sich ziehen können.
Bekannt ist nur, dass es
von einem Prionen-Protein
(PrP) zwei Formen gibt: Sobald die harmlose Variante - nennen wir sie
PrPsen - mit ihrer bösen Schwester
namens PrPres konfrontiert
wird, verwandelt sie sich ihrerseits
in die PrPres-Variante, die sich auf neue PrPsen-Formen
stürzen kann. Eine Kettenreaktion, bei der faserige
Proteinknäuel entstehen und
die - wenn sie nicht im Reagenzglas,
sondern im Gehirn abläuft - tödlich endet.
Die Wissenschaftler von den Rocky-Mountain-Labors des
National Institute of Allergy and Infectious Diseases haben
sich bei Hamstern näher angeschaut, welche Prionen-Partikel infektiös sind. Und das Ergebnis
überrascht. Denn es waren nicht
die langen, im Mikroskop gut sichtbaren Proteinfasern, die sich als gefährlich erwiesen. Vielmehr zeigten sich sehr
kleine Prion-Aggregate, die lediglich
aus 14 bis 28 Molekülen
bestanden, wesentlich infektiöser als die langen Ketten. Nur die Aggregate, die aus weniger als fünf
Einheiten bestanden, blieben harmlos. Wird nun - mit welchen Mitteln auch immer - versucht,
die Prionenfasern zu knacken und in kleinere Einheiten aufzubrechen, entstehen just die hoch infektiösen Partikel, warnen die Forscher.
Doch wie kommt es überhaupt
dazu, dass sich Proteine in einem autokatalytischen Prozess selbst in eine neue Struktur
mit neuen Eigenschaften umwandeln? Schließlich widerspricht das einem zentralen
Dogma der Proteinchemie, das der Biochemiker
Christian Anfinsen vor fünfzig Jahren in mühevoller Arbeit aufgestellt hat: Die Sequenz bestimmt die Konformation. Mit anderen Worten:
Allein die Reihenfolge der Bausteine, die Aminosäuresequenz, legt fest, welche räumliche Gestalt ein Protein als energetisch günstigsten Zustand einnehmen wird.
Die Wissenschaftler um Shilpa
Sambashivan von der Universität von Kalifornien in
Los Angeles versuchten nun, Anfinsens
Hypothese auszutricksen -
und zwar genau mit jenem Protein, für dessen Strukturaufklärung
Anfinsen 1972 den Chemie-Nobelpreis
bekommen hatte: Ribonuklease [2].
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RNase A |
Den Forschern
gelang bei dem kurz RNase A genannten Protein eine kleine, aber entscheidende
Veränderung: Auf Position 112 bauten sie ein
kurzes Stück mit zehn Molekülen
der Aminosäure Glutamin ein. Dadurch
erhielt das Protein, dessen Struktur durch Disulfidbrücken stabilisiert wird, eine Art Gelenk, mit dem sich
das Riesenmolekül aufklappen lässt. Thermodynamisch bleibt die geschlossene Form die stabile Variante,
doch ab und zu wird sich
das eine oder andere der
veränderten RNase-Moleküle öffnen. Lagert sich nun zufälligerweise das eine Ende
eines geöffneten Moleküls an das andere Ende einer
zweiten geöffneten RNase, dann entsteht eine
kurze Kette, die - und das ist das
Spannende - thermodynamisch
wieder stabil ist. Das Gleichgewicht
wird demnach in Richtung Kette verschoben, immer mehr geöffnete RNasen lagern sich
an, die Kette wächst wie von allein weiter.
Und genau nach diesem Prinzip könnten sich Prionen
oder auch andere Proteinstrukturen, wie beispielsweise die berüchtigten Alzheimer-Plaques, zu
ihrer gefährlichen Form zusammenlagern - mit den bekannten Konsequenzen.
Andreas Jahn
[1] Nature 437:
257-261 (2005)
[2] Nature
437: 266-269 (2005)
© spektrumdirekt
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Ausgabe vom
08. September 2005 |
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